Regions-Serie: Sehnde – einmal muss es vorbei sein …

Sehnde live - dahinter das Rathaus mit Heuschrecken-Fassade.

Die „Blauen Jungs Bolzum“ sind traurig. Sie haben sich auf dem Sehnder Rathausplatz hinterm Amarok in ihren blauen Seemanspullovern versammelt, und dann das: Akkordeon vergessen, Vorsänger nicht dabei – vorbei ists mit Shanty-Singen. La Paloma, ade. Da sind die Sehnder Schützen, die uns auf unserer vorletzten Regionstour zwischen Kanal und Knast besuchen, schon besser drauf.  Sie tragen Grün und haben noch Hoffnung. Mit-Schütze Carsten Elges schreibt in unser Goldenes Buch, dass sich unaufhaltsam auf den letzten 18 Stationen gefüllt hat: „Seit mehr als 300 Jahren üben sich die Sehnder im Scheibenschießen. Irgendwann stellen sich auch Erfolge ein.“ Das ist positives Denken!

Blaue Jungs (und Mädels) aus Bolzum, bekannt durch seine historische Schleuse.

Postiv gibt sich auch Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke. Am Wochenende reichten ihm 490 Stimmen Vorsprung zum Sieg. „Ein gutes Pferd springt nicht höher als es muss“, scherzt der humorvolle CDU-Mann, der sich über das Treiben vor seinem Rathaus freut. Links gibt es Eichsfelder Wurstwaren, rechts Reißverschlüsse für einen Euro und dahinter steht ein überdimensionales Schachbrett. Vor dem Rathaus rangiert ein (leerer) Kohlwagen, an der Fassade kleben große, grüne Heuschrecken. Sehnde, eine Stadt voller rätselhafter Symbolik. Wenigsten das Geheimnis der Heuschrecken kann Lehrke lüften. Die XXL-Käfer werben für die „Gartenregion“. „Wenn die Feuerwehr mit der großen Leiter vorbeikommt, holen wir sie mal runter“, plant Lehrke. Kann aber dauern. Hier, wo seit dem Jahr 800 das Land immer wieder gegen die räuberischen Braunschweiger verteidigt werden musste, geht alles ein wenig gelassener als im nahen Hannover zu. Doch die Landeshauptstadt wird nicht verschwiegen: „Ganz nah draußen“ lautet Sehndes Slogan. Ob das auch für die nahe Justizvollzugsanstalt gilt?

Egal. Wenn sich ein Motiv durch unsere Regionsserie zieht, die unwiderruflich auf das große Finale in Bissendorf zusteuert, dann dieses: Dicht dran und doch schön weit draußen im Grünen. Und nah am Wasser gebaut: Denn die Region Hannover ist maritimer als gedacht. An jeder Ecke ein See, ein Teich, ein Fluss, ein Kanal. Und ein Shanty-Chor. Die blauen Jungs aus Bolzum, aus Lohnde, aus Rethen sind alles, nur keine Landratten.

Die Regions-Serie endet, wir setzen uns in den NP-Amarok und melancholisch klingt es aus dem Lautsprecher:

Mein Herz geht an Bord,
Und fort muss die Reise gehn.
Dein Schmerz wird vergehn,
Und schön wird das Wiedersehn.
Mich trägt die Sehnsucht fort
In die blaue Ferne
Unter mir Meer,
Und über mir Nacht und Sterne.
Vor mir die Welt,
So treibt mich der Wind des Lebens
Wein nicht, mein Kind,
Die Tränen, die sind vergebens.

Tschüs, Region!!!

Wundersames Wennigsen

Markttag in Wennigsen - Pferdewurst 1,50.

Wennigsen ist eine Stadt mit Tradition. 1200 als fränkische Rodungsinsel Wennekessen gegründet, ist sie heute das gutbürgerliche Tor zum Deister. Auch in der Hagemannstraße, an deren Ende sich ein winziger Marktflecken mit drei Händlern duckt, hat heute die Jugend der Volkstanzgruppe Degersen Aufstellung genommen.  In ihren rot-weiß-schwarzen Trachten mit dem markanten goldenen Kreuzstich beleben sie den beschaulichen Freitagmittag im Zentrum deutlich. „Das sind die Farben des Calenberger Landes“, freut sich Leiterin Bettina Boller sichtlich stolz und zeigt auf den Nachwuchs. „Nehmt mal die Hände aus den Taschen“, fordert Moderator Christoph Dannowski lautstark Applaus herab vom NP-Amarok. Der hat schon einige Kratzer im metallicgrauen Lack, mit Dannowskis Fahrkünsten hat das nichts zu tun. Eher schon mit Gästen wie Bürgermeister Christoph Meineke, denn der 32-Jährige lässt es sich nicht nehmen, auf die Ladefläche zu springen. Das ist sein Heimspiel, da ist Musik drin.

Degersens Jugend tanzt in Calenberger Tracht.

Ein Heimspiel haben auch die „Schaffer“ vom Historischen Freischießen. Winfried „Fitsch“ Gehrke ist gut zu erkennen an der rot-gelb-grünen Schärpe und wirbt für das Schützen-Spetakel, bei dem alle drei Jahre die Menschen am Deisterrand den 30-Jährigen-Krieg aufleben lassen. Doch heute sind alle extrem friedlich gesinnt, auch Moderator Dannowski lässt es ruhig angehen.

„Pferdewurst 1,50“ wirbt ein Schild am Mini-Markt. Aber jede Tradition hat seine Zeit, und uns ist heute nicht so nach gegrilltem Gaul. Vielleicht gibts ja kommenden Freitag am Mittellandkanal im „Großen Freien“ eine andere Tradition – etwa Bratwurst mit Senf.

Sehnde, wir kommen!

Regions-Serie: Ritterliches Seelze

Die Einheizer vom Shanty-Chor. Kühl ist anderswo!

In Seelze darf heute nichts anbrennen. Auf dem Platz am „Alten Krug“, wo die NP-Regionstour Station macht, wimmelt es von Feuerwehrleuten. Während es sich die blau-weiß gestreiften Männer vom Shanty-Chor Lohnde 1989 e.V. im Schatten des Biergartens gemütlich gemacht haben und vorsichtig am ersten Weizenbier des noch jungen Tages nippen, machen sich die Blauhemden an NP-Moderator Christoph Dannowski zu schaffen. Kaum hat er die schützende Ladefläche seines Amaroks verlassen, haben die Retter ihm schon eine kiloschwere Froschmann-Ausrüstung angelegt. Kein Ton des sonst so redseligen Mannes dringt unter der dicken Maske hervor; eine Stille, die uns seltsam berührt.

Der Frosch mit der Maske? Nicht ganz, Moderator Dannowski.

Doch mit der Ruhe ist es vorbei, als eine Flotte alter Trecker um die Kurve biegt. Deutz, Lanz und Farmall knattern über den Platz, die Männer der Freiwilligen Feuerwehr sind in Personalunion Mitglieder im Treckerclub „Historische Maschinen Seelze e.V.“ Heute lassen sie es mal richtig knallen, „is ja bald Wochenende“. Das gefällt auch Markus und Nicole, die vor wenigen Minuten auf dem Standesamt zu Seelze entschlossen „Ja“ gesagt haben und nun verliebt auf dem Deutz thronen. „Wir haben die Hochzeit extra auf heute vorverlegt“, freut sich Bürgermeister Detlef Schallhorn und wünscht dem jungen Paar das Beste.

Als die Aufregung ihren Siedepunkt zu erreichen scheint, ist es Zeit für einen leibhaftigen Ritter. Trotz gefühlter 30 Grad schreitet Reitergeneral Michael von Obentraut locker über den Krug-Platz und sucht „den Kampf gegen die katholischen Heere.“ Jene hatten ihn am 25. Oktober 1625 ins Jenseits geschickt, weil sie ihn frühmorgens beim Anziehen entdeckt und kurzen Prozess gemacht hatten. Doch der Dreißigjährige Krieg ist Geschichte, und Obentraut das mächtige Maskottchen des heutigen Seelzes. Nur NP-Vize Bodo Krüger mangelt es am nötigen Respekt vor der Historie. Mit der flachen Hand trommelt er dem General auf den Bauch: „Ich wollte schon immer einem Ritter auf die Rüstung hauen.“

Interview mit einem Ritter.

Jahrmarktstimmung in Seelze. Der Ritter dreht beim Traktor am Rad, Christoph Dannowski gratuliert Bürgermeister Schallhorn zur „modischen Jacke“ und der Shanty-Chor hat ausgetrunken. Geübt nehmen die Männer (samt einer Dame) Aufstellung, die ist ihnen bei ihren Auftritten auf Heimatfesten und Kreuzfahrtschiffen ins Blut übergegangen. Sanft wiegen sie sich im imaginären Seelzer Wind und grüßen „Ahoi, Kameraden“. Wir blicken den Kanal, der heute in einem sanften Moosgrün schimmert, entlang. Immer nach Osten, wo die übernächste Station unserer Reise liegt: Sehnde. Aber vorher geht’s noch mal ganz ohne Ahoi in die Berge: Wennigsen, wir kommen!

Regions-Serie: Laatzen, verdichtet und offen

Verdichtetes Viertel: Laatzens Bürgermeister Prinz (links), NP-Chef John.

40 000 Laatzener gibt es. Mehr oder weniger. „Ich kenne hier alle“, sagt Erich Golnik. Der Mann lebt seit 55 Jahren in Grasdorf und ist auf Du und Du mit jedem Halm und jedem Strauch. Als er beim NP-Serienstopp auf dem Parkplatz an der Erich-Panitz-Straße auftritt, meldet sich Michael Hoyer aus Alt-Laatzen. „Kennen  Sie mich?“ Als Golnik verneint, freut sich Hoyer sichtlich. „Sie haben geschwindelt, sie kennen ja doch nicht alle.“

Fröhlich sind sie, die Laatzener, die sich rund um Christoph Dannowski am Amarok versammelt haben, der heute in der Grand-Quevilly-Passage vorm Leine-Center parkt. Die Passage sieht mit ihren vielen Baugittern nicht ganz so hübsch aus, wie sie klingt. Es ist der Tag nach dem Sevilla-Spiel und Laatzen trägt 96-Rot, dazu Einkaufstüte. „Mall“ nennt Bürgermeister Thomas Prinz das ehemalige Leine-Einkaufs-Zentrum (LEZ) und heutige Leine-Center. Es wird eben immer ein bisschen amerikanischer. Und weil der Trend zum Zweitcenter geht, investiert Laatzen. „Die Mall wird ausgebaut“, freut sich der Prinz, „und dahinter kommt noch eine Mall.“ 90 Millionen kostet es, bis alle Baugitter verschwunden sein werden.

Männer, die gern Shanty singen.

Dann wird es noch voller in Laatzen, laut Bürgermeister Prinz eine „verdichete Kommune“. „Was ist denn das“, ist Moderator Christoph Dannowski gewohnt neugierig. „Das bedeutet, dass hier 1280 Menschen auf einem Quadratkilometer leben.“ Macht Platz zwei in Niedersachsen, nur Delmenhorster leben dichter.“ Dannowskis Blicke wandern am 20-Etagen-Hochhaus hinterm Amarok empor, dann hält es ihn  nicht mehr: „Die meisten wohnen dann wohl hier …“

Nein, sie wohnen auch in Gleidingen, Ingeln-Oesselse und Rethen. Von dort ist der „Rethener Shanty-Chor“ angereist, der für die Landratten vorm Leine-Center Matrosenlieder anstimmt. Das kommt gut an, denn Laatzener „sind von Natur aus offen“, wie Erich Golnik weiß. Im Gegensatz zu Hannoveranern. „Die sind stur.“

Stur ist heute nur der Sturm, der unverwandt an Baugittern rüttelt und durch die Grand-Quevilly-Passage fegt. Was passt da besser als ein Shanty-Chor, der maritime Sonnigkeit verbreitet. Während wir die arg verdichtete Mitte verlassen, weht uns der Wind die letzten Strophenfetzen Laatzens nach: „Und müssen wir eines Tages ziehen / für uns bleibt ihr in den Herzen drin …“

Zumindest bis Freitag. Uetze, wir kommen!

Regions-Serie: Ronnenberg, meine Perle

Von Mühlenberg geht’s über Wettbergen nach Ronnenberg, und das ohne einen einzigen Höhenmeter zu machen. Das Calenberger Land ist nunmal flach, doch die Stimmung vorm Edeka-Markt hat eine Spur schottischer Highland-Romantik. Der Gesangsverein Concordia von 1859 stimmt nach der Melodie von „Auld Lang Syne“ die Hymne „Ronnenberg, mein Heimatort“ (www.concordia-ronnenberg.de/lieder/ronnenberg.mp3) an. Nur dass sie in der letzten Strophe statt „Perle des Calenberger Landes“ selbstbewusst „Perle Niedersachsens“ singen, erklärt  Wolfgang Walther. Der Bürgermeister kennt seine Sänger.

IM DIALOG: Bürgmeister Walther (rechts), Chefredakteur John

Heute macht die NP-Regionsserie rund um Amarok-Mann Christoph Dannowski und Serienchef Markus Hauke Station vorm Edekamarkt „Über den Bleeken“ – und sorgt für ein knackiges Verkehrschaos. Nur gut, dass die beiden heimischen Ordnungshüter, nachdem sie ruhig aufgeraucht haben, die Verkehrsregelung in die Hand nehmen. Viel Luft ist auf dem Parkplatz ohnehin nicht: Vorne der „Vitamin im Garten“-Anhänger mit Kohl & Co., dahinter XXL-Blaubeere, Grillhendl-Stand und Bratwurst-Grill. Hinterm Tisch der Naturschützer wird frisches Herrenhäuser für Dutzende durstiger Ronnenberger gezapft, am Kopfende hat die Musikvereinigung Weetzen Aufstellung genommen. „Schön was mit Saxophon“, fordert Bürgermeister Walther. Er darf das, weil er selbst aus Weetzen kommt. Und somit hier in der Minderheit ist. Denn aus den sieben Orten Ronnenbergs („Die 7 Richtigen“) sind so gut wie alle Kernstädter.

Menschen aus Benthe oder Ihme-Roloven sind nur vereinzelt angereist, Empelder gar nicht. Wie man als Fremder ohnehin schnell merkt, dass zwei Themen in Ronnenberg tabu sind. Erstens die mythische Stadtgründung eines gewissen „runibergum“ 524 n. Chr. an einem möglichen Schlachtplatz zwischen Franken und Thüringern. Und zweitens Empelde. Die Menschen aus dem größten Ortsteil werden im historischen Ronnenberg schamhaft verschwiegen, obwohl sogar das Rathaus in der Hansastraße (Empelde) liegt und Monika von der Heide, umtriebige Museumsleiterin, den Stadtteilen künftig einen eigenen Raum widmen will. Wie bisher schon den sorgsam präparierten Tieren der Heimat wie Fuchs und Wildschwein.

NICHTS FÜR FRAUEN: Die sangesfreudigen Männer von der Concordia.

Hier an der Beeke ist eben alles auf Heimat ausgerichtet, auch wenn die Concorden in ihren schlumpfblauen T-Shirts „Wo die Weser rauscht“ anstimmen. Moderator Dannowski, der angestrengt zu Grübeln scheint, muss am Ende seine Neugier befriedigen: „Warum singen bei ihnen keine Frauen mit?“ Da muss der Chorleiter nicht lange überlegen: „Weil wir ein Männerverein sind!“

Das sieht auch Dannowski ein und macht sich schonmal Gedanken über die unbekannte Schöne an der Leine. Laatzen, wir kommen!

Regions-Serie: Lehrte lebt und hat den Blues

Lehrte hat den Blues

Die strahlende Sonne vor dem City-Center in Lehrte lässt sich vom Spielmannszug der SG Ahlten nicht blenden. Auch wenn Dorothee „Doro“ Bock vorne mit dem Taktstock „Rhythm of the Rain“ anstimmt – hier zwischen ICE-Strecke und Autobahn ist heute Hochdruck angesagt. Punkt 12 Uhr ist auf dem Platz am Brunnen Burgdorfer Straße eine Stadt auf den Beinen, der Amarok des NP-Teams ist dicht umlagert von Bluesfreunden, Modelleisenbahnern, Musikern und vielen fröhlichen Menschen aus der Eisenbahnerstadt. Besonderer Beliebtheit erfreut sich das kleine Zelt der Weinhandlung Nietmann, die im offenen Ausschank und mit Aktionspreis („0,2 heute nur 2 Euro“) heute trockenen Weißwein sowie Rotwein trocken oder lieblich im Plastikkühler hat. „Der Lehrter mag mittags schon Wein“, lacht Udo Gallowski vom Stadtmarketing. Gemeinsam mit Chefin Sonja Truffel, die zur Vorbereitung des großen Weinfestes auf dem Rathausplatz auch schon mal Probe nippt, zum Stand der NP-Serientour gekommen, um ein dickes Lob loszuwerden. Die Serie sei ein Hit in Lehrte, die Stadt habe sich über jede Folge gefreut. Allein die Modelleisenbahner, die im alten „Stellwerk Lpf Lehrte“ die Weichen in ihrer Miniwelt stellen, können sich vor Anfragen kaum retten. Wer etwa eine XXS-Version des Lehrter Personenbahnhofes im Jahr 1960 bewundern möchte: Nächste Führung am 28.8., 10-13 Uhr.

Auch die Bluesfreunde kommen zum Weinstand herübergeschlendert, wo ausreichend „Cellier d’or“ in der Kühltasche steckt. Von wegen immer Bier – auch Weintrinker haben den Blues. Hoch auf dem Geländewagen versucht NP-Moderator Christoph Dannowski die Fettnäpfchen in seinen Stakkato-Talks elegant zu umschiffen. Nur im Gespräch mit Wasserballstar Tatjana Steinhauer geht das Temperament mit dem fidelen Ricklinger durch. Als sie berichtet, dass im Nahkampf schon mal ein Badeanzug der Ballsportlerinnen reißt, freut er sich eine Spur zu laut: „Allein das ist ja schon ein Grund, Wasserball-Bundesliga zu schauen.“

Dannowski hat den Ball - jedenfalls fast

Lehrte lacht, und der Spielmannszug intoniert „Rosamunde“ ( …schenk’ mir dein Herz und dein “Ja!“). Das Repertoire ist laut Dirigentin Doro noch im Aufbau, „weil wir vor kurzem auf neue Flöten umgestellt haben“. Und so bleibt alles melodisch im Fluss, während es am Brunnen vor „Rodney’s Kult Bar“ gefühlt so heiß ist wie in der Altstadt von Sevilla. Ein guter warm-up für unseren nächsten Auftritt im sonnigen Süden, wo der Gesangsverein Concordia den Ton angibt. Ronnenberg, wir kommen!

955 Kilometer bis Hemmingen

Die Annäherung an Hemmingen ist nicht einfach. Befürworter der geplanten Umgehungsstraße haben den rechten Streifen der B 3 zugeparkt und „Jetzt reichts“-Schilder an die Heckscheibe geklebt. Zeitgleich errechnet das Navi eine Restdistanz von 955 Kilometern – in cirka zehn Stunden sollte ich das Rathaus von Hemmingen/ Schwaben erreichen. Ohne Navi und durchs verkehrsberuhigte Wohngebiet gehts dann doch in zehn Minuten ins Hemmingen südlich von Hannover. Vor dem eleganten Sandsteinbau tobt schon der Bär, beziehungsweise der Moderator. „Kommt mal alle rüber“, ruft NP-Mann Christoph Dannowski den zahlreich erschienenen Hemmingern zu, die lieber im Schatten bleiben wollen. „Ja auch ihr da hinten auf der Bank!“ Endlich sind alle bereit fürs Gruppenfoto, nur der Fotograf nicht. Frank Wilde war kurz beim „Calenberger Bäcker“ falsch abgebogen.

Andrang auch am Glücksrad, viele Schüler üben heute den richtigen Dreh. „Ist das denn ein Kinderglücksrad oder auch ein Altenglücksrad“, will eine rüstige Westerfelderin wissen. Ein Glücksrad für alle, deshalb wird Ecki vom Vertrieb auch nicht langweilig. Nebenan porträtiert Bürgermeister Claus Schacht in schwarzem Anzug und lila Hemd („Ich habe heute schon die Fraktionsvorsitzenden gesprochen, zwei Bauanträge bearbeitet und vier Bürger bedient“) die einzelnen Ortsteile.

Hemminens Bürgermeister Claus Schacht und NP-Chefredakteur Harald John. Fotos: Wilde

Hiddestorf, Devese, Wilkenburg, Alt-Hemmingen, er gerät richtig ins Schwärmen. Und stolz führt er auch durch „sein“ Rathaus: „In dem Raum da oben mit dem großen Fenster ist mein Büro.“ Das Fenster reiche deshalb bis zum Boden, damit die Hemminger ihren ersten Mann bei der Arbeit beobachten können. Warum steht dann sein Schreibtisch so weit hinten? „Damit mich keiner beim Schlafen sieht.“

Nicht nur das Rathaus ist vorzeigbar, auch der Rathausplatz (1972 von Willy Brandt eröffnet) kann sich sehen lassen. Marleen Gaida schäumt einen wunderbaren Cappuccino auf und engagiert sich im Verein „Hemmingway“. Am Sonnabend haben sie eine Sommer-Salsa geplant, dank der NP ist aber schon am Freitag Sommerpartyzeit. Zu rhythmischen Klängen tanzen die Kinder der Tanzstudios Gregor Hip-Hop. Und auch Helmut und Frida Müller sind mit ihrer Drehorgel gekommen. Im historischen Kostüm verkörpert „Drehorgelspieler Helmut“ heute den Grafen Wilhelm Friedrich von Borries.

Da war Musik drin: Drehorgelspieler in Hemmingen.

Moderator Dannowski freut sich, dass in Hemmingen heute Musik drin ist. „Ihr könnt immer dann spielen, wenn ich nicht rede“, ruft er dem Drehorgel-Duo fröhlich zu. Und die beiden ahnen: viel Zeit zum Musizieren bleibt heute nicht. Noch einmal geht es über die Brückstraße zurück, von Montag an ist sie für drei Monate dicht und Hemmingen ein wenig abgehängt. Aber uns zieht es ohnehin nach Norden. Langenhagen, wir kommen!

Isernhäger Hühnerpaten

Das war noch nie da. NP-Moderator Christoph Dannowski schweigt. Und schweigt. Legt sogar schweigend das Mikro weg. Er ist chancenlos. Und das liegt nicht nur an seiner heiseren Stimme („bis halb drei gefeiert, und es gab Bier“). Sondern an Herbert Bade. Der VW Amarok des NP-Teams, das heute in Isernhagen H.B. Station macht, geht ein wenig in die Knie als Bade die Ladefläche entert. Der Mann ist knapp über 70 und ein Schwergewicht, auch lokalpatriotisch. „20 Jahre Ehrenbrandmeister, 35 Jahre Brandmeister bei der Flughafenfeuerwehr“, das prägt. Er ist aber auch Vorsitzender der Soldatenkameradschaft, betreut den Shanty-Chor. „Eine reine Männerdomäne, aber wenn eine Soldatin käme, wären wir verpflichtet, sie aufzunehmen.“
Dannowski schielt hoffnungsvoll Richtung Mikro, da kommt der letzte Streich: Bade ist Vorsitzender des „Schlachtschweinevereins“. Ach ja, und im Treckerclub Isernhagen. Punkt. Und nun darf der NP-Moderator auch mal ran. Und begrüßt einen besonderen Gast: Anio Passek, der 13-jährige Schüler ist frischgebackener „Hühnerpate“. Beim Serama-Geflügelzüchterverein Isernhagen betreut Anio ein Huhn, besser: ein Hühnchen. Denn die Seramas sind die kleinste Geflügelrasse der Welt. „Sind aber keine McChickens“, betont Pressewartin Gabriele Hausmann. „Geflügelwart“ Jürgen Grade hat derweil andere Sorgen. Ein Serama-Chick ist aus dem Käfig geflohen und erstaunlich wendig auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums unterwegs.

Acht Wochen ist das NP-Team nun auf großer Tour, und das Fachwissen hat deutlich zugenommen. Moderator Dannowski glänzt mit Details: „H.B. bedeutet ganz klar Hohenbosteler Bauerschaft.“ Unsicher ist er aber, ob er „Isernhagener oder Isernhäger“ zu Gast hat. Da kann er sich getrost an den Lokalexperten wenden. „Isernhäger“, weiß Bade. Und für das „H.B.“ hat er auch eine kleine Weisheit parat: „Hier bin ich. Hier bau ich. Hier bleib ich.“

Und dann machen wir die Flatter. Kommende Woche bauen wir auf besseres Wetter im sonnigen Süden. Hemmingen, wir kommen!

Regions-Serie: Garbsen – vom Winde verweht

In Mitte: Bürgermeister Heuer (links), NP-Chef John.

Fachgespräche am NP-Stand: Hans-Werner Blume (links), Klaus-Dieter Harte.

Seit 1945 in Garbsen: Günter Geffke bläst, NP-Mann Dannowski freuts.

Garbsen ist Europa im Miniformat. Es gibt reiche Ecken, arme Ecken, Ecken mit griechischen Verhältnissen und sogar eine kleine Schweiz. Das NP-Team hat sich politisch korrekt in Garbsen-Mitte versammelt, das sich in erster Linie als windige Ecke entpuppt. Bürgermeister Alexander Heuer, dem der Wind kräftig die Frisur zerzaust, gefällt es in Garbsen: „Schnell in der Natur, schnell in der Stadt“. Der Mann hat in Bonn, Dortmund und Bochum gelebt, nachvollziehbar, dass er sich hier wohlfühlt. Heute ist er an den NP-Stand gekommen und freut sich, dass seine Stadt auch mal mit anderen Facetten bekannt wird als mit Gewalt und Kriminalität.
Der Wind macht auch Günter Geffke zu schaffen. Er bläst mit Inbrunst die „Freude schöner Götterfunken“, aber die Ode verweht ein wenig in der Weite der Shopping Plaza. Geffke war Leiter der „Musikfreunde Garbsen“, die es seit drei Jahren nicht mehr gibt: „Zu viele Todesfälle.“ Musizieren tut er trotzdem gerne, und NP-Moderator Christoph Dannowski lobt Geffke als „besten Trompeter auf dem Platz“. „Bin ja auch der einzige“ lacht Geffke, der in einem wunderschönen Oldtimer gekommen ist. Der Citroen Baujahr 25 bringt es auf Tempo 65, „aber nur wenn ich den Berg runterfahre“, und fasziniert auch die Zwillinge Faiz und Ilys, die mit Vater Fathi zum Staunen vorbeigekommen sind.
Zwei waschechte Garbsener sind Hans-Werner Blume und Klaus-Dieter Harte. Sie kennen hier alles und jeden, sogar den feinen Unterschied zwischen Osterwald Oberende und Osterwald Unterende: „Im Oberende haben früher die Schweinebauern gelebt, im Unterende hatten sie Pferde und waren sich zu fein für die Schweine.“ Ein historischer Graben, der heute noch besteht. Harte weiß: „Der Schützenverein aus Oberende kehrt auf der Grenze um.“ Auch da ist Garbsen sehr europäisch.

Garbsen fehlt bis heute die Mitte, aber im Shopping-Zentrum treffen sich die Menschen aus Unter- und Oberende ebenso wie die aus der Garbsener Schweiz zum Mittagessen, heute ist „Schnitzel Hollandaise“-Aktionstag. Und da wird mit der sämigen Sauce nicht gegeizt.
Wir lassen die Hollandaise lieber weg, nächste Woche müssen wir schließlich übern Deister gehen. Und der ist ein paar Meter höher als die Schweiz.
Barsinghausen, wir kommen!

Regions-Serie: Wo der Mäher rast, der Promi wohnt und die Flocke tanzt

NP-Leser am Amarok

1160 Kilometer liegen zwischen Burgwedel und Domfront, der französischen Partnerstadt Burgwedels hoch oben in der Normandie. Carlo Mielke („Mielke wie der Stasi-Chef“) ist den weiten Weg schon mal abgeradelt. Neun Etappen, in der Normandie wurde er frenetisch begrüßt. Heute steht er in Burgwedel am Stand der NP-Regionstour, die für zwei Stunden – passenderweise – auf dem Domfront-Platz Station macht. Hier zwischen Rathaus, Fußgängerzone und Einkaufscarree spürt man schnell etwas von der Heimeligekeit der wohlhabenden Kommune. Erst vor kurzem habe der erste McDonalds eröffnet, sagt ein Besucher. Gern haben die Bürger den Bräter hier nicht gesehen.
„Burgwedeler sind immer beschäftigt“, erklärt Karola Hoppenstedt von der Turngemeinschaft die anfängliche Leere am NP-Amarok, „außerdem ist die Promi-Dichte hier hoch.“ Hier, das ist die Heimat von Christian und Bettina Wulff, von Hörgeräte-Kind und Drogerie-Roßmann. Und diese Heimat wird von ihren Bewohner innig geliebt. „Keine Dreckschleudern, keine Industrie“, lobt NP-Leser Rainer Dege. Er hofft, dass sich Schauspielerin Bettina Zimmermann mal blicken lässt, heute leider nicht.
Dafür ist Brigitte Ruhmann mit dem Fahrrad aus Isernhagen FB herübergeradelt, das ist für sie kein Weg. „Ich komme gern nach Burgwedel zum Einkaufen“, sagt sie. „in FB ist ja nix los, und unseren Aldi haben sie abgefackelt.“
Hoch oben auf dem Amarok wirkt NP-Moderator Dannowski seltsam zurückhaltend. Das ändert sich schlagartig, als „Roadie“ Tobias Niemeck die Lautsprecher richtig anschließt. „Mit Kabel ist es immer besser“, grinst er. Und schon trägt der Ton durch Burgwedel. Heißt das nicht Großburgwedel, fragen wir uns. „Nicht mehr“, weiß Jürgen Brehmer, „das ,Groß’ hammse runtergedrückt, da muss man auch nicht mehr soviel schreiben.“

Gruppenbild mit Rennmäher

Der Domfrontplatz hat sich gefüllt, mittlerweile tobt auch „Flocke“ herum. Der 14 Wochen alte Malteser fühlt sich sichtlich wohl, vor allem wenn Herrchen Werner Ellrott „Flocke“ auf den Arm nimmt. So hat sie gute Sicht auf die Männer vom Rasenmäher-Rennverein „Thönse 24“. Moderator Dannowski hat die Männer mit ihren rasenden Mähern zu Gast, allen voran Organisator Heiko Wöhler. „Thönse ist das Le Mans der Region“, wirbt Wöhler für das spektakuläre Ereignis, das am 27. und 28. August Staub aufwirbeln wird. Auch Trecker-Pilot Sascha ist zum Interview gekommen und wird von NP-Mann Dannowski routiniert zum Beruf befragt. „Offizier“, sagt er und Dannowski will es genau wissen: „Bei der Bundeswehr?“ Ja, wo sonst. „Hätte ja auch Marine sein können“, verteidigt Landratte Danno.
Dafür sitzt seine nächste Frage: „Was braucht ein Rasenmäherfahrer vor allem?“ Sascha grinst: „Einen Nagel im Kopf“. Dem bleibt nun wirklich nichts hinzuzufügen, höchstens ein freundlicher Gruß an die nächste Station. Garbsen, wir kommen!